Historischer Abriss

Stadtansicht Gemündens mit der Ruine der Scherenburg von der Saalespitze aus gesehen. Kolorierter Stahlstich, Carl Mayers Kunstanstalt Nürnberg, nach einer Zeichnung von Fritz Bamberger, um 1840Die Stadt Gemünden und mit ihr die Scherenburg wurden unbestimmte Zeit vor 1243 gegründet, vermutlich noch von Graf Ludwig II. von Rieneck, der 1234 verstarb, und dessen Gemahlin Adelheid. In der ersten urkundlichen Erwähnung 1243 wird Gemünden zwar noch nicht „Stadt“ genannt, sondern nur als „villa“ bezeichnet. Doch es steht außer Frage, dass hier die planmäßige Stadtgründung erfolgte. Der Rechtsstatus der Siedlung war zu dieser Zeit noch umstritten. An dem Verkehrsknotenpunkt seitlich der Saalemündung ist zwingend mit einer Vorgängersiedlung zu rechnen, diese ist bislang jedoch nicht nachgewiesen. Der Saaleübergang, vielleicht auch die Existenz eines kleinen Hafens, werden das Areal schon vor der Stadtgründung geprägt haben. Die sicher bereits 1243 existente Burg ist allerdings erst 1342 eigenständig erwähnt.

Weil der Land- und Schiffsverkehr nach Ansicht des Würzburger Bischofs, Herman I. von Lobdeburg, von der rieneckischen Gründung gestört wurde, kam es bald darauf zum Konflikt. Der Bischof ließ im Zuge dessen oberhalb der Scherenburg eine Gegenburg namens „Florberch“ – heute „Sloburg“ genannt – errichten. Dem aufmerksamen Auge sind ihre unscheinbaren Reste am Schulterpunkt des Bergrückens, rund 350 Meter östlich und 120 Höhenmeter oberhalb der Scherenburg gelegen, unübersehbar. Die Rienecker wiederum erklärten Würzburg ob dieser Bedrohung die Fehde, in deren Verlauf auch Karlburg in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Die Ereignisse lassen sich anhand eines Friedensvertrags rekonstruieren, der am 9. Mai 1243 zwischen Gräfin Adelheid und ihren Söhnen auf der einen und Bischof Hermann auf der anderen Seite geschlossen wurde. Die Rienecker verpflichteten sich darin unter anderem, den Verkehr zu Lande und zu Wasser in Zukunft nicht mehr zu stören. Im Gegenzug ließ Hermann seine Gegenburg niederlegen. Obwohl die Rienecker in dem Dokument eher als unterlegen erscheinen, konnte das Hochstift Würzburg letztlich den Fortbestand der Stadt, die seine Interessen störte, nicht verhindern. Den Rieneckern konnte aber zumindest die Lehenshoheit über Stadt und Burg aufgezwungen werden. Besitzrechtlich war Gemünden fortan geteilt.

Die Stadt muss einen schnellen Aufschwung genommen haben, da bereits 1296 das „Gemündener Maß“ auch außerhalb der Stadt „maßgeblich“ war. Konkrete Informationen über die Entwicklung fehlen jedoch. Nach dem Aussterben der Linie Rothenfels des Rienecker Grafenhauses 1333 wechselte deren Hälfte an Gemünden sehr häufig die Besitzer.

Im Jahre 1469 konnte Bischof Rudolf von Scherenberg Gemünden schließlich komplett dem Hochstift Würzburg eingliedern. Nach ihm wird die Burg heute Scherenburg genannt. Obwohl sie im Bauernkrieg 1525 unbeschädigt geblieben und bis 1598 Amtssitz war, scheint ihre Bausubstanz bereits im 16. Jahrhundert in schlechten Zustand geraten zu sein. Sicherlich war sie 1732, als in der Burgkapelle noch einmal eine Trauung erfolgte, bereits ruinös. 1825 kam die Burgruine in Privatbesitz. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurden Stadt und Burg durch Luftangriffe stark zerstört. Seit 1965 ist die Scherenburg im Besitz der Stadt.

 

Baustruktur

Die ursprünglich ummauerte Stadtfläche Gemündens, hervorgehoben auf dem Bayerische Urkatasterblatt um 1850. Geobasisinformation: Bayerische VermessungsverwaltungDie Stadtbefestigung Gemündens besitzt einen fast exakt quadratischen Grundriss, wobei die im Steilhang gelegene Ostecke von der Scherenburg eingenommen wird. Da Burg und Stadtmauer eine fortifikatorische Einheit bilden, ist anzunehmen, dass beide aus einer einheitlichen und gleichzeitigen Planung hervorgegangen sind.

Von den Gebäuden der Scherenburg sind neben der noch bis zu 10 m hoch erhaltenen Ringmauer lediglich der runde Bergfried und die Ruine des Wohnbaues erhalten. Bergseitig wird die Burganlage durch einen tiefen Halsgraben vom nach Norden hin ansteigenden Gelände abgetrennt. Ihr Haupttor liegt auf der Südostseite, sodass sie von außerhalb der Stadtbefestigung zugänglich war, vermutlich von Südosten her über den Burgweg.

Schnitt durch den rekonstruierten Bergfried mit inwändiger Treppenhelix. Bearbeiter: Archimedix GmbH

Schnitt durch den rekonstruierten Bergfried mit inwändiger Treppenhelix.

Der Bergfried wird von Rundgewölben in drei Geschosse gegliedert. Der ursprüngliche Eingang liegt in fast 12 Meter Höhe im Mittelgeschoss. Ihn erreichte man von der Ringmauer der Burg aus über eine hölzerne Brücke. Das Obergeschoss wird über eine innerhalb der Außenmauer verlaufende Treppe erschlossen und trug einst einen hölzernen Wehrgang. In das Untergeschoss, welches vielleicht als Veließ gedient hat, gelangte man nur durch eine runde Öffnung im Gewölbe, das „Angstloch“.

Der stark zerstörte Wohnbau ist aufgrund seines getreppten Giebels erst ins 14. oder 15. Jahrhundert zu datieren. Er beherbergte auf zwei Geschossen die Wohn- und Amtsräume des Burgherrn bzw. seiner lokalen Amtmänner. Nur noch der zweischiffig gewölbte Keller, einst vorrangig der Weinlagerung gewidmet, ist vollständig erhalten. Der gesamte zum Main hin abfallende Hang südöstlich der Scherenburg ist mit ehemaligen Weinbergterrassen bedeckt.

Diese Ansichtskarte von Gemünden um 1910 wirbt mit einer gepflegten Einkehr im Burgkeller. Repro: Bruno Schneider

Diese Ansichtskarte von Gemünden um 1910 wirbt mit einer gepflegten Einkehr im Burgkeller.

Im Baubestand sowie in Schriftquellen finden sich Hinweise auf weitere Burggebäude. So müssen im Norden, direkt an den Wohnbau anschließend, und im Süden, in Nachbarschaft zum Burgtor, Nebengebäude existiert haben. 1732 noch fand eine Trauung in der Burgkapelle statt. Deren Standort und Aussehen sind jedoch nicht mehr bekannt.