von Prof. Dr. G. Ulrich Großmann, Fürth 2020*

Historischer Abriss

Die Kollenburg liegt am Hang oberhalb des Mains. Die Gesamtanlage ist halbkreisförmig, mit einer geraden Seite zum Main nach Süden und einem weiten Halbkreis nach Norden, zum Berg. Die seit dem späten 13. Jahrhundert im Besitz der Rüd (Rüdt) von Collenberg genannte Burg war Lehen des Deutschen Ordens (Stadtprozelten), ab 1483 des Mainzer Erzbischofs. 1310 erfolgt die Teilung der Burg auf zwei Linien, 1387 wird vertraglich ein Burgfriede vereinbart; die Kollenburg war Ganerbenburg. In einem Vertrag von 1502 wird eine kürzlich erbaute Küche erwähnt. Nach dem Aussterben der Rüd 1635 blieb die Burg noch einige Jahrzehnte Amtssitz. Ende des 18. Jahrhunderts ist die Burg Ruine.

Haupttor

Das Haupttor mit Renaissancegewände ist „1609“ datiert, wurde jedoch nachträglich in die Tormauer eingefügt, die beidseits Scharten und Öffnungen aufweist, die wenigstens in die Zeit um 1500 zu datieren sind. Die Torkammer östlich des Tores hat vom Hof her einen vermauerten Zugang mit einem Schulterbogenportal, entstand also vermutlich schon um 1500, die Ringmauer muss aber sogar noch älter sein. Westlich des Haupttors springt die äußere Ringmauer durch nachträgliche Erweiterung etwas in den Graben vor, so dass eine Flankierung des Tores ermöglicht wird. Der innere Mauerverlauf besteht aus Bruchstein, der äußere aus Quadern. Er endet mit einer klaren Baufuge rund 20 m westlich des Tores. Der innere Mauerverlauf ist im oberen Bereich mit den Konsolen eines polygonalen vorspringenden (Wehr-)Erkers versehen, ähnliches gibt es in Guttenberg/Neckar im 15. Jahrhundert. Der äußere Mauerbereich entstand um 1500 (s.u.).

Äußere Ringmauer und Kaponniere

Die äußere Ringmauer wirkt mit den drei Türmen an der Seite zum Main weitgehend einheitlich. Sie besteht aus großen Bruchquadern, teilweise mit Zangenlöchern, dazwischen Zwickelsteine. Der Gesamterscheinung nach, unter Berücksichtigung der Feuerwaffen-Schießscharten der Türme, dürfte sie aus dem mittleren bis späten 15. Jahrhundert stammen. Die Schießscharten haben lange Schlitze, die teilweise unten in schmalen Queröffnungen enden, teilweise Schlüssellochform haben. Bis zu drei unterschiedliche Schartenformen kommen an einem Turm vor. Am obersten Geschoss sitzen die Scharten in leicht vortretenden Erkern mit Bodenöffnungen. An der Ostmauer finden sich innen Konsolen eines zum Hof vorkragenden Wehrgangs. An der Westseite gibt es allerdings kleinteiliges Mauerwerk, das zwar älter aussieht, wahrscheinlich aber der gleichen Phase angehört, zumal hier die gleichen Schießscharten sitzen. Dort befindet sich eine vermauerte spitzbogige (Neben-)Pforte1, ehemals wohl durch einen Holzsteg mit dem westlichen Bergrücken verbunden.

Der nordwestliche Teil der Burg ist ein hochliegendes Plateau, durch den breiten Graben vom Bergrücken getrennt. Dieser Graben wird durch eine Kaponniere aus der Zeit um 1500 gesperrt. Ihr Zugang soll angeblich durch einen runden Schacht erfolgt sein, der auf dem Plateau mündet und dort etwa 1 m aufgemauert ist – eigentlich typisch für einen Zisternenschacht. Treppenstufen sind in dem Schacht auch nicht zu erkennen, allerdings ist im unteren Bereich offenbar grob ein Zugang Richtung Kaponniere eingehauen – ursprünglich muss es sich um einen Zisternenschacht gehandelt haben. Otto Piper behauptete, der Schacht habe 28 Treppenstufen enthalten2, doch Ansätze steinerner Stufen gibt es nicht. Allenfalls mag man sich eventuell eine Sekundärnutzung des Schachtes für eine enge hölzerne Wendeltreppe vorstellen können.

Auf dem Gewölbe der Kaponniere setzt eine nach Nordosten reichende Quadermauer an, die mit einem Abstand von ca. 2 m der älteren Ringmauer vorgelagert und um 1500 zu datieren ist. Dies entspricht dem nahe dem Tor zu beobachtenden Rücksprung. Der jenseits des Grabens stehende Schützenbau hat Schlüssellochscharten, der Längsgang auf dem Kopf stehende „T“-Scharten.

Innere Ringmauer

Als innere Ringmauer sind zwei Mauerabschnitte anzusehen, nämlich im Westen ein Abschnitt, der von der Wohnhauserweiterung nach Norden reicht und mit einem Rundbogenfries für eine äußere Vorkragung versehen ist, und die südöstliche Mauer, die einen breiten Zwinger abgrenzt. Zu dieser inneren Ringmauer gehörte ein Turm an der Ostseite, in dessen Verlängerung später ein äußerer Ostturm errichtet wurde. Der innere Turm wurde in der jüngeren Forschung zur Apsis oder Sakristei einer Kapelle erklärt, allein, die Spuren eines Abtritts an seiner Nordseite lassen ihn als reinen Wehrturm erscheinen.

An der Westseite sitzt der Westgiebel des erweiterten Wohnbaues auf dieser inneren Ringmauer. Diese hat nach Norden einen Rundbogenfries, der sich nach Süden fortsetzte, durch die Erweiterung und Aufstockung des Wohnbaus dort aber zerstört wurde. Der Fries ist aus kleinen Steinen gemauert und entspricht beispielsweise dem Rundbogenfries der Zwingermauer der Burg Guttenberg/Neckar aus dem 15. Jahrhundert. Ob der gesamte Mauerverlauf hier erst dem 15. Jahrhundert angehört oder älter ist, kann derzeit nicht bestimmt werden. Grundsätzlich erschließt sich ein innerer Mauerring innerhalb des klar abgegrenzten Zwingers, auch wenn dieser Mauerring nicht einheitlich ist.

Westlicher Wohnbau

Der dreigeschossige und unterkellerte westliche Wohnbau enthält den ältesten erkennbaren Bau der Burg. An zwei der vier Ecken dieses Kernbaues (im NW und im SO) finden sich Eckbuckelquader, in den unteren Lagen ohne, in den oberen mit Zangenlöchern. An der nordöstlichen Ecke wurden die Quader offenbar systematisch ausgebrochen, die SW-Ecke fehlt völlig. Dieser Kernbau stammt frühestens aus der 2. Hälfte des 13., eher aus dem 14. Jahrhundert. Er wurde nachträglich nach Westen und Osten vergrößert, im Norden trennt ihn ein schmaler Graben von der Nordterrasse. Im Erdgeschoss gibt es im Erweiterungsbau den Treppenabgang zum Keller unter dem ältesten Teil. Die Trennmauer zwischen den beiden Bauteilen enthält einen Riegelkanal für einen Eingang, d.h. der ursprüngliche Haupteingang in den Kernbau befand sich an der östlichen Schmalseite in der Mauer zwischen dem Tonnen- und dem Kreuzgewölbe. An der westlichen Schmalseite befindet sich eine schmale Öffnung, heute ein Durchgang in den westlichen Anbau. Im Gewände der Öffnung gibt es beidseits eine Nische, offenbar je ein kleiner Wandschrank oder eine Lichtnische. Eventuell handelt es sich bei dieser Nische um einen ehemaligen Abtritt, sicher nicht um einen Ausgang. An der Westmauer des tonnengewölbten Raumes daneben gibt es ein ca. 15 cm breites, langes Schlitzfenster, dessen Laibung innen leicht durch das Tonnengewölbe überschnitten wird.

An der Ostseite gibt es über dem Erdgeschoss und dem 1. Obergeschoss am Giebel sowie am Treppenturm ein gekehltes Gesims, über dem 2. Obergeschoss ein Gesims mit Rundstab. In das Gebäude führt heute ein großes spitzbogiges Portal von Osten, mit gekehltem Profil. Das linke Gewände ist durch den Treppenturm leicht verstellt, das Profil des Portalgewändes ist teilweise durch den Mörtel des Treppenturms verschmiert. Das Portal des Treppenturms hat Stabwerkrahmung, typisch für die Zeit um 1520/30. Dies spricht für eine Datierung des Erweiterungsbaues ohne Treppenturm im späten 15. Jahrhundert oder um 1500, des Treppenturms aber erst zu 1530. Dabei wurde das gotische Gesims der Erweiterung in gleicher Form um den Treppenturm herumgeführt. Die Treppenturmfenster könnten ursprünglich kleiner gewesen sein, für die heutigen Fenster ist das waagerechte Gesims unterbrochen. Eventuell war dies von Anfang an der Fall, hier ist die Befundlage jedoch unklar. Gemeinsam mit der Giebelspitze könnten die Treppenturmfenster im späten 16. Jahrhundert entstanden sein.

Im Erdgeschoss finden sich zwei um rund einen Meter hochgemauerte, innen runde, außen rechteckige Öffnungen. Es kann sich eigentlich nur um Zisternenöffnungen handeln, demzufolge das Kellergeschoss zeitweilig als Zisterne gedient haben muss. Im 2. Obergeschoss befand sich noch 1913 ein (nach-)gotisches Spitzbogenfenster3. Als einziges Fenster dieser Art könnte es zu einer Kapelle gehören.

Südöstlicher Wohnbau

Der südöstliche Wohnbau ist im Grundriss etwa quadratisch und lehnt sich mit zwei Seiten an die innere Ringmauer an. Wegen Einsturzgefahr der verbliebenen Kellergewölbe ist die Ruine derzeit nicht betretbar. Seine Eingänge zum Keller sowie zum Erdgeschoss befinden sich an der Nordseite. Der Kellerhals ist breit und gewölbt, die Breite würde sogar das Herunterlassen von Weinfässern erlauben. Der spitzbogige Eingang in das Erdgeschoss macht eine Datierung im (späteren) 15. Jahrhundert wahrscheinlich, dies bestätigt auch das Schulterbogenportal zum Treppenturm. Die südöstliche Ecke, sichtbar vom Zwinger(graben) aus, hat Eckbuckelquader, größere Steine, ohne Zangenlöcher. Eine Entstehung der Quader im 13. Jahrhundert ist möglich, ein höheres Alter trotz des Fehlens von Zangenlöchern unwahrscheinlich. Die Erweiterung nach Norden schuf einen undefinierbaren Raum, nach Osten durch einen kleinen quadratischen Raum im Turm ergänzt. Dieser neuerdings als Kapelle (Kapellenturm) bezeichnete Bau enthält nichts, was auf eine sakrale Nutzung hinweist.

Die größte „Überraschung“ bietet der Treppenturm des südöstlichen Wohnbaus. Er ist klobiger, also dicker, als der daneben stehende des westlichen Wohnbaus. Sein Portal in Schulterbogenform gehört in die Zeit um 1500. Seine Fenster sind sehr klein, die beiden nach Norden zum Tor und in Richtung auf den vermeintlichen Kapellenbau haben (oder hatten) Prellhölzer für Hakenbüchsen – es handelt sich tatsächlich um Schießscharten für Hakenbüchsen. Der mitten im Hof stehende Treppenturm hatte damit eine Wehrfunktion, die zweifellos nicht nur symbolisch war4.

Die Hauptbauphasen der Kollenburg
1 2. Hälfte 13. / 14. Jahrhundert Ältester Bauteil ist der Kernbau des westlichen Wohnbaus, ein „Festes Haus“, vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, wahrscheinlich der 2. Jahrhunderthälfte. Drei der vier Gebäudeecken sind klar erkennbar, an zwei Ecken sind Eckbuckelquader, mehrheitlich mit Zangenlöchern (also nicht vor ca. 1250) erhalten. Feulner datiert – vorsichtig – ins 14. Jahrhundert5. Deutlich größere Eckbuckelquader gibt es ferner an der Südostecke des südöstlichen Wohnbaus. Hier könnte es sich um eine ältere Ringmauer handeln.
2 15. Jahrhundert Dazu gehören weite Teile der Befestigung, namentlich der nordwestliche Teil der inneren Ringmauer mit seinem Rundbogenfries, die äußere Ringmauer (Zwingermauer) beidseits des Tores, vermutlich auch die Zwingermauer westlich der inneren Ringmauer.
3 um 1500,
2. Bauabschnitt um 1530
Zu der Bauphase gehören die Kaponniere mit Schlüssellochscharten und die Mauerverstärkung im Nordwesten. Der mit Schulterbogenportal versehene Zugang zum östlichen Torhaus sowie der östliche Treppenturm könnte ebenfalls jetzt entstanden sein. Letzterer hat Schießscharten zum Hof hin, die sich nur aus der Funktion als Ganerbenburg erklären lassen. Ob der Wohnbau daneben tatsächlich schon dem (13./)14. Jahrhundert angehört oder doch erst jetzt entstand, ist derzeit nicht sicher zu entscheiden. Der westliche Wohnbau wurde wesentlich erweitert und in einem zweiten Bauabschnitt mit einem Treppenturm versehen.
4 Spätrenaissance, um 1580 bis 1610 Um 1580 wurde der Renaissancegiebel des westlichen Wohnhauses aufgesetzt, die gleichzeitigen Zwerchgiebel sind alle wieder verschwunden. Ein Inschriftstein von „1589“ befindet sich jetzt (wieder?) am Torhaus6. 1609 entstand das heutige Spätrenaissance-Tor innerhalb der älteren nördlichen Außenmauer.

 

Zitierte Literatur:

Adolf Feulner: Kollenburg. In: Felix Mader (Hg.): Bezirksamt Marktheidenfeld. Die Kunstdenkmäler von Bayern. Regierungsbezirk Unterfranken VII, München 1913, S. 59–69.
Otto Piper: Burgenkunde: Bauwesen und Geschichte der Burgen Zunächst innerhalb des deutschen Sprachgebietes, 3. Auflage, München 1912, S. 292.
Winfried Wackerfuß: Das Maintal zwischen Miltenberg und Wertheim im Spiegel handgezeichneter, archivalischer Karten vom Ende des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften 4, Breuberg-Neustadt 1984, S. 419-466.

 

* Der Text ist mit freundlicher Genehmigung durch Prof. Dr. Georg Ulrich Großmann unter minimaler Überarbeitung entnommen aus dem Rundbrief der Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern e.V. Nr. 74, 2020 Heft 1, S. 6-10, Originaltitel: „Bemerkungen zu Burgen 8: Die Kollenburg am Main“.

 

Anmerkungen:
  1. Für eine Ausfallpforte ist sie zu groß und sitzt zu weit oben.
  2. Piper(1912) S. 292 mit Grundriß und Schnitt der Kaponniere in Fig. 205.
  3. Feulner(1913) S. 66-67 mit Abbildung.
  4. Treppentürme mit „Scheinscharten“ gibt es auch, z.B. auf Burg Breuberg, aber dafür braucht man keine Prellhölzer, wie sie auf der Kollenburg teilweise sogar noch vorhanden sind.
  5. Feulner(1913) S. 68.
  6. Er ist wohl identisch mit demjenigen, der sich 1912 am westlichen Wohnbau befand, allerdings sekundär dorthin versetzt war. Vgl. Feulner(1913) S. 69.