Der Ortsteil Billigheim blickt auf eine reiche Geschichte zurück. Zum einen ist sie geprägt durch die Zisterzienserinnenabtei, die vom 12. Jahrhundert bis 1584 hier bestand, zum anderen durch die Fürsten von Leiningen, deren Nebenlinie zu Leiningen-Billigheim von 1803 bis 1925 hier residierte.

Wie die Endung des Ortsnamens auf „-heim“ erkennen lässt, ist die Gemeinde im Schefflenztal eine Siedlung aus fränkischer Zeit. Der Name ist sicherlich vom Vornamen eines hier ansässigen Mächtigen und nicht von „billig“ abgeleitet. Die erste schriftliche Erwähnung stammt jedoch erst aus den Jahren um 1000.


Drei Epochen, ein Ensemble: Die ehemalige Klosterkirche aus dem 12. Jahrhundert, eingerahmt von der sogenannten "Remise" aus dem 18. Jahrhundert links und dem Kirchenanbau aus den 1970er Jahren rechts.

Das „Klösterlein zu den sieben Seligkeiten“

Die Anfänge des vermutlich im 12. Jahrhundert gegründeten ehemaligen Frauenklosters verlieren sich aufgrund fehlender Schriftquellen leider im Dunkeln. Die bislang erste urkundliche Erwähnung findet sich im Mosbacher Urkundenbuch und stammt aus dem Jahre 1166. Da die Abtei zu diesem Zeitpunkt bereits existent war und wohl in erster Blüte stand, muss sie deutlich älter sein. Das genaue Datum ihrer Gründung ist jedoch nicht bekannt. Ihre adeligen Stifter, die im Nekrolog (Totenbuch) des Klosters als „Dithmarus et Dithmarus, Wolframus, Alhedis et Hedewidis“ ohne Familiennamen aufgelistet werden, sind ebenfalls nicht zweifelsfrei zu identifizieren. Vermutlich gehörten sie einer in und um Obrigheim am Neckar ansässigen Adelssippe an. In ihnen gemäß einer älteren Theorie Angehörige der Herren von Lauda an der Tauber zu sehen, ist weniger wahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen.

Fotografie der Klosterkirche um 1900 mit Brunnenskulptur in Form eines Delfins im Vordergrund. Blickrichtung Nordost. Quelle: Gemeinde Billigheim

Fotografie der Klosterkirche um 1900.

Erst im Jahre 1238 wurde das Kloster in eine Zisterzienserinnenabtei umgewandelt und förmlich den Regeln des Reformordens unterstellt. Es ist nicht auszuschließen, dass die Billigheimer Nonnen bereits von der Klostergründung an den Zisterziensern angehörten. Der Niederadel des mittleren Neckargebietes sowie das Patriziat der Reichsstädte (Schwäbisch) Hall und Heilbronn stellten in der Folgezeit über die Jahrhunderte hinweg den Nachwuchs für die Billigheimer Klosterfrauen.

Im 14. Jahrhundert verfügte das Kloster in mehr als vierzig Dörfern über Einkünfte und Grundbesitz, besonders wohlhabend wird der Billigheimer Konvent jedoch nie gewesen sein. Um die Mitte des Jahrhunderts geriet es, vielleicht bedingt durch die große Pestepidemie ab 1349 und diverse Naturkatastrophen, in eine ökonomische Krise, die zu Verkäufen zwang. Nach dem Tod der letzten Äbtissin im Jahre 1584 hob der Mainzer Erzbischof Wolfgang von Dalberg das Kloster auf. Die Anzahl der Nonnen war zu diesem Zeitpunkt auf eine Einzige zurückgegangen. In den Jahrzehnten zuvor ist dem Konvent vermutlich infolge des Übertritts vieler Adelsfamilien zum Protestantismus der Nachwuchs mehr und mehr ausgeblieben, sodass das Ende des Klosters schließlich unausweichlich wurde.

Die heutige Pfarrkirche Billigheims ist der einzige Überrest der mittelalterlichen Klosteranlage. Nach der Auflösung des Klosters übernahm sie diese Funktion von der Kirche am heutigen Arcoplatz, wobei auch das Patrozinium St. Michael übertragen wurde. Ursprünglich war sie der Hl. Maria geweiht. Das Langhaus mit eingezogener Apsis wurde im 12. Jahrhundert im Stil der Romanik errichtet, deren Formensprache besonders deutlich an der Apsis auftritt. Der Dachstuhl stammt noch aus der Erbauungszeit.  Mittels dendrochronologischer Untersuchungen konnte das Alter seiner Eichenbalken jahrgenau bestimmt werden. Dabei wurden die Jahrringsequenzen der untersuchten Hölzer mit einer Referenzchronologie verglichen und ergaben, dass die Bäume zwischen 1180 und 1190 gefällt worden sind. Es handelt sich bei diesem hervorragenden Zeugnis hochmittelalterlicher Handwerkskunst damit um einen der ältesten erhaltenen Dachstühle Baden-Württembergs!

Die strengen Regeln der Zisterzienser verlangten unter anderem auch den Verzicht auf Kirchtürme. Deshalb besaß die Klosterkirche nie einen Turm, sondern lediglich einen Dachreiter für die Glocken. Der heute vorhandene Dachreiter stammt allerdings erst aus dem 18. Jahrhundert.

Südlich an die Kirche schloss ein Kreuzgang mit umliegenden Gebäuden an. Ihre Grundrisse konnten 1971 bei archäologischen Untersuchungen dokumentiert werden. Wie alle weiteren Klostergebäude im Umfeld waren sie infolge der Auflösung des Konvents ab 1584 abgerissen worden. Die vormalige Klosterkirche erlebte in der Zeit ihrer Nutzung als Pfarrkirche mehrere Umbauphasen. Dabei ist unter anderem die große Nonnenempore, die ursprünglich den gesamten Westteil des Langhauses einnahm, entfernt worden. 1878/79 wurde das Gotteshaus im neogotischen Stil restauriert. 1971-1973 wurde der moderne Erweiterungsbau mit Orgelempore an das Langhaus angefügt, wobei dessen einstige Südwand geöffnet und in Pfeilerarkaden umgestaltet wurde. Die in blau und rot gehaltenen Fenster stammen von dem Karlsruher Künstler Franz Dewald († 1990).

Das Schloss der Grafen von Leiningen-Billigheim

Im Jahre 1803 wurde Billigheim zur Residenz der Grafen von Leiningen-Guntersblum. Im Rahmen der Säkularisierung des Kurfürstentums Mainz wurden sie damit von Napoleon für den Verlust ihres angestammten linksrheinischen Besitzes während der politischen Umwälzungen nach der Französischen Revolution entschädigt. Ihre neuen Besitzungen waren im Wesentlichen, aber nicht ausschließlich, aus den 1584 an Kurmainz gefallenen Besitzungen des Klosters Billigheim gebildet worden.

Die Remise (rechts im Bild) mit ihrem für das 18. Jahrhundert charakteristischen Mansarddach von Norden aus gesehen

Die Remise (rechts) von Norden aus

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren mit der sogenannten kurfürstlichen Kellerei bereits repräsentative Gebäude vorhanden, darunter die noch heute direkt neben der Klosterkirche existente Remise (Wagenhalle) mit barockem Mansarddach aus dem 18. Jahrhundert. Das Gebäude enthält zwar einen Wappenstein des Mainzer Erzbischofs und Kurfürsten Johann Schweikhard von Kronberg (1553-1626), dieser muss jedoch von einem vermutlich zerstörten älteren Gebäude stammen. Die Leininger erweiterten den vorhandenen Baubestand ab 1803 zu einer standesgemäßen Schlossanlage. Als wichtigstes Element wurde der Neubau eines dreigeschossigen Wohnflügels quer an ein mutmaßlich älteres zweigeschossiges Gebäude angefügt. Südlich und östlich des Schlossareals und der ehemaligen Klosterkirche war ein Schlossgarten in der Art eines Barockgartens mit orthogonaler Wegeführung, Wasserbassins, Fontänen und Pavillon angelegt. Diesen umgab ein weitläufiger Park, in welchen auch die Ruine der Kirche am Arcoplatz eingebunden war.

Das Billigheimer Schloss brannte im Jahr 1902 komplett aus und wurde in der Folgezeit abgetragen. Von ihm zeugen nur wenige Fotografien und Darstellungen. Das Grafenhaus war seitdem kaum noch vor Ort präsent. Graf Karl Wenzel war bereits im Jahr 1900, anderthalb Jahre nach seinem Sohn Karl Polykarp, gestorben. Und sein in Rom lebender Bruder Emich Karl starb 1925 kinderlos. Mit ihm erlosch die Familie nach nur 122 Jahren Ortsherrschaft. Aus dem öffentlichen Gedächtnis ist sie inzwischen weitgehend entschwunden. Abgesehen von Schloss Neuburg in Obrigheim zeugen nur noch einige Gräber auf den Friedhöfen von Billigheim und Obrigheim von ihrer Geschichte. Die fürstliche Hauptlinie des Hauses Leiningen mit Sitz in Amorbach existiert bis heute.

 

Die Kirche am Arcoplatz
Die Kirche am Arcoplatz wurde trotz ihres ruinösen Zustands auch in jüngerer Zeit noch umgestaltet, wie mehrere sekundär in ihr vermauerte Epitaphplatten deutlich zeigen.

Die Kirchenruine am Arcoplatz

Auf einem erhöhten Geländesporn südwestlich des Ortszentrums haben sich Reste der ehemaligen Pfarrkirche Billigheims erhalten. Die Apsis des dem Erzengel Michael geweihten Gotteshauses datiert in das 12./13. Jahrhundert. Nach der Auflösung des Zisterzienserinnenklosters 1584 wurde dessen Kirche als Pfarrkirche weitergenutzt. Dabei ging auch das Michaelspatrozinium auf sie über. Der Bau am Arcoplatz diente weiterhin als Kapelle für den bis 1834 genutzten Friedhof in ihrem Umfeld. Er verfiel jedoch zunehmend und wurde im 19. Jahrhundert schließlich in den Schlosspark integriert.

Der Name „Arcoplatz“ erinnert an Gräfin Christine von Arco-Zinneberg. Die Comtesse aus einem trientinischen Adelsgeschlecht war in zweiter Ehe mit Graf Karl Wenzel zu Leiningen-Billigheim (1823-1900) verheiratet.

Zitierte Literatur

Lutz, Dietrich: Die Archäologie des Mittelalters in der Denkmalpflege dargestellt an einigen Beispielen aus dem Regierungsbezirk Karlsruhe. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 4, 1975, Band 2, S. 67-77.