Geschichte St. Matthäus und Lohrhaupten

Die Ersterwähnung Lohrhauptens als „Larahobedun“ findet sich im Evangeliar des Aschaffenburger Stifts St. Peter und Alexander, und zwar in einem Eintrag, der am 21. September 1057 nachträglich auf einer leeren Seite der wichtigen Handschrift aus dem 9. Jahrhundert vorgenommen worden ist. An diesem Tag, dem Festtag des Apostels Matthäus, wurde die neu errichtete Kirche von Bischof Konrad I. von Speyer im Beisein und Auftrag von Erzbischof Luitpold I. von Mainz „zu Ehren unseres Herrn Jesus Christus und des siegreichsten Kreuzes und des heiligen Apostels Matthäus sowie der heiligen Jungfrau Walburga“ geweiht. Obwohl diese Quelle sehr interpretationsbedürftig ist und viele Fragen offenlässt, geht aus ihr eindeutig die große Bedeutung hervor, die Lohrhaupten damals beigemessen wurde. Nicht nur der prominente Platz der Niederschrift und die Anwesenheit gleich zweier Bischöfe sprechen dafür. Daneben erwählte Erzbischof Luitpold die Lohrhaupter Kirche als letzte Ruhestätte – zumindest auf dem Papier, denn tatsächlich wurde er im Jakobskloster in Mainz beigesetzt. Gerade die Tatsache, dass St. Matthäus 1057 mit den Zehntabgaben eines recht ausgedehnten Gebiets ausgestattet und ihr mit Wirkung für die Zukunft alle in diesem Gebiet neu errichteten Gotteshäuser unterstellt werden, unterstreicht dies. Denn faktisch wird damit nach einhelliger Deutung die älteste archivalisch fassbare Pfarrei im inneren Spessart definiert. Daran knüpften sich natürlich auch Macht- und Besitzinteressen des Mainzer Erzstifts – vielleicht unter dem Ein-druck anderer zu dieser Zeit in der Region aufstrebender Machtfaktoren. Es kann nur vermutet werden, dass Lohrhaupten auch schon vor 1057 Pfarreifunktionen erfüllt hat. In dem Fall ist mit der Weihenotiz des Neubaus also keine neue Pfarrei gegründet, sondern lediglich eine bestehende schriftlich dokumentiert worden.
Erst unter Luitpolds Nachfolger, Erzbischof Siegfried I. von Mainz, ging die Lohrhaupter Kirche mit den Pfarreirechten und Zehntabgaben vom Erzstift Mainz an das Stift St. Peter und Alexander in Aschaffenburg über. Die entsprechende Ergänzung des Eintrags im Evangeliar des Aschaffenburger Stifts ist wohl noch vor 1077 vorgenommen worden.
Über die Frühzeit Lohrhauptens schweigen die archivalischen wie archäologischen Quellen. Die Wurzeln der Besiedelung in einem fränkischen Königshof zu sehen, der als Etappenort an der Birkenhainer Straße, über deren Nutzungsintensität im Frühmittelalter so gut wie nichts bekannt ist, überfordert die Quellenlage. Die weltliche Herrschaft über den Ort war seit dem 12. Jahrhundert geteilt, was eine komplizierte – aber nicht ungewöhnliche – Herrschaftsentwicklung in spätem Mittelalter und früher Neuzeit nach sich zog. Zu dieser Zeit kamen die Grafen von Loon-Rieneck als Amtsträger des Mainzer Erzbistums und königliche Vasallen zu diversen Eigentümern und Lehen im östlichen Spessart, darunter auch die „Seulbach“ genannte und am Fuß des Kirchbergs gelegene Hälfte Lohrhauptens. Der namengebende Seulbach mündet, von Norden kommend, im Ortsbereich in den Lohrbach. Beim Aussterben der Rothenfelser Linie des Rienecker Grafenhauses 1333 ging dieses Lehen an die Herren von Hanau über. Die am anderen Ufer gelegene Hälfte Lohrhauptens, zunächst unter der Herrschaft des Aschaffenburger Stifts bzw. des Mainzer Erzstifts verblieben, wurde nach 1333 an die „hinterbliebene“ Lohrer Linie der Rienecker verlehnt, fiel nach deren Aus-sterben 1559 aber wieder an das Erzstift zurück und wurde forthin von einem mainzischen Amt-mann verwaltet. Erst 1684 wurde dieser Ortsteil im Rahmen eines Territorialausgleichs zwischen Hanau und Mainz wieder herrschaftlich mit der seulbacher Seite vereint. Bis 1736 gehörte ganz Lohrhaupten zur Grafschaft Hanau-Münzenberg und fiel bedingt durch das Aussterben dieses Grafenhauses an die Landgrafschaft Hessen-Kassel, unter deren Herrschaft es als Teil des später sogenannten „Fürstentums Hanau“ bis zum Ende des Alten Reiches 1806.


Lohrhaupten war nicht nur herrschaftlich, sondern auch konfessionell lange Zeit geteilt. Nachdem die Reformation in der Grafschaft Hanau bereits seit den 1520er Jahren schleichend Einzug gehalten und Graf Philipp III. von Rieneck in seiner Grafschaft 1543 die Reformation eingeführt hatte, waren in Lohrhaupten – zu dieser Zeit aus einem hanauer und einem rienecker Ortsteil bestehend – ab 1553 reformierte Pfarrer tätig. Als der südliche rieneckische Ortsteil 1559 wieder an das Erzstift Mainz als Lehensherr heimfiel, hatte das keine Auswirkungen auf die Bestellung der Pfarrer in der auf hanauer Seite liegenden Kirche. Erst zwischen 1635 und 1648, in der zweiten Phase des 30-jährigen Krieges, gelang es Kurmainz, die Ausübung des evangelischen Gottesdienstes in Lohrhaupten zu unterbinden. Doch schon ab 1650 wurde St. Matthäus wieder von reformierten Pfarrern betreut. Mit der konfessionellen Entwicklung Lohrhauptens ging die kirchenrechtliche Stellung der dortigen Kirche nicht bzw. nur mit großer Verzögerung einher. Bis zur Rück-Abtretung an Kurmainz 1607 verblieb St. Matthäus unter dem Patronat des Stifts St. Peter und Alexander in Aschaffenburg. Zwar wurde den Grafen von Hanau ab 1578 die Präsentation der Geistlichen eingeräumt, das Kirchenpatronat ging jedoch erst 1685 an Hanau über.

Baugeschichte St. Matthäus

Aus der Ersterwähnung Lohrhauptens 1057 geht – zwischen den Zeilen gelesen – hervor, dass der Ort in der Mitte des 11. Jahrhunderts bereits bestanden haben muss. Eine Vorgängerkirche, vermutlich am gleichen Platz wie die heutige, ist daher anzunehmen, mangels Quellen jedoch noch nicht nachgewiesen. Wie der im Jahr 1057 geweihte Neubau dieser Kirche aussah, ist ebenfalls un-bekannt. Das älteste erhaltene Element von St. Matthäus, der Turm, ist wahrscheinlich erst im späten 13. oder 14. Jahrhundert errichtet worden. Darauf weist das gotische Kreuzrippengewölbe in seinem Erdgeschoss hin (BILD). Die Konsolen der vier Gewölberippen in den Raumecken waren ursprünglich mit unterschiedlichen Wappen verziert. Heute ist nur noch eines, nämlich das der Her-ren/Grafen von Hanau erhalten (BILD). Die anderen drei hat man ausgeschlagen, vermutlich waren zumindest Mainz und Rieneck darunter. Den Schlussstein des Gewölbes ziert ein Christuskopf (BILD). In dem als Chor genutzten Raum direkt unter ihm befand sich ursprünglich der Altar. Im Westen schloss sich an den Turm, dessen Mauer auf dieser Seite bogenförmig durchbrochen ist, das Kirchenschiff an. Seine recht bescheidene Größe von ca. 12,50m auf 10,30m (10,70m auf 8,60m Innenmaße) ist aus einem Grundrissplan von 1568 bekannt (BILD). Dass es zeitgleich mit dem Turm errichtet wurde, ist anzunehmen aber nicht belegt.
St. Matthäus wurde im Lauf der Zeit mehrfach umgestaltet und umgebaut. So ist der Chorraum im 15. Jahrhundert mit Fresken ausgestaltet worden, die Szenen des Weltgerichts zeigen (BILD). Etwa zu dieser Zeit dürfte der Turm einen Helm mit vier kleinen Ecktürmchen, wie er auf der ältesten Kartendarstellung Lohrhauptens aus dem Jahr 1594 zu erahnen ist (BILD), erhalten haben. Außer-dem müssen im 15. oder 16. Jahrhundert auch die für diese Zeitstellung charakteristischen Schlüssellochscharten im 1. Obergeschoss des Turms eingefügt worden sein. Je zwei Scharten auf der Nord-, Ost- und Südseite sind heute noch sichtbar. Nachträglich zugesetzte Öffnungen auf der Innenseite des Turms lassen vermuten, dass einstmals auch auf der Westseite zwei Schießscharten vorhanden waren.
Bei einem verheerenden Ortsbrand im Jahr 1675 brannte auch die Matthäuskirche offenbar komplett aus, sodass der Turmhelm erneuert und das Kirchenschiff komplett neu gebaut werden mussten. Letzteres wurde hierbei auf eine Grundfläche von ca. 22,70m auf 11,30m erweitert (BILD). Der Neubau wurde zwar innerhalb von nur zweieinhalb Jahren bewerkstelligt, war jedoch so schlecht ausgeführt, dass schon 1762 – 85 Jahre später – die Kirche baufällig war und renoviert werden muss-te. Eine fürstlich-landgräfliche Kollekte machte den zweiten Neubau des Kirchenschiffs möglich. Zwischen 1764 und 1767 entstand der heutige Zustand von St. Matthäus. Das Schiff wurde gegen-über seinem Vorgänger erneut vergrößert (ca. 14,40m auf 23,50m) und erhielt statt einer lang-rechteckigen eine breitrechteckige Ausrichtung. Entsprechend wurde auch das Raumkonzept, welches den Innenraum bis heute bestimmt, grundlegend geändert. Altar und Kanzel rückten unter Separierung des einstmaligen Chors im Turm auf die gegenüberliegende Westseite der Kirche; die Gemeinde wurde auf drei Seiten und dank umlaufender Empore auf zwei Etagen darum herum platziert. Die in Lohrhaupten seit Mitte des 16. Jahrhunderts vorherrschende protestantische Konfession schlug sich darin nun auch architektonisch nieder.