Pröpste und Faktoren
Am 1520 erbauten Stumpfen Turm, 350m vom Nöthigsgut entfernt, prangen die Wappen der damaligen Machthaber. Von links: Hamann Echter, Kardinal Albrecht v. Brandenburg und Centgraf Schade v. [Groß-]Ostheim. Foto: Fotoarchiv Markt Großostheim.

Am 1520 erbauten Stumpfen Turm, 350 m vom Nöthigsgut entfernt, prangen die Wappen der damaligen Machthaber.

Das Hofgut, Hauptzierde am von Fachwerkgebäuden gesäumten Marktplatz, wurde von den Mainzer Dompröpsten als Lehen vergeben. Es war zwar vererblich, aber unteilbar und unveräußerlich. Der Lehensinhaber fungierte als Faktor für Kurmainz mit dem Erzbischof und Kurfürst an der Spitze. Der in Großostheim und Pflaumheim erhobene Kirchenzehnt wurde hier abgeliefert, wobei dem Faktor als Entlohnung ein Teil der Abgaben zufiel. Die Lehensinhaber stammten ausschließlich aus angesehenen Familien und bekleideten häufig auch das Amt des kurmainzischen Zentgrafen. Dieser war oberster Richter, zuständig für Verwaltung, Steuern, Zoll, Militär, Polizei und Geleit.

Karte der "Cent Bachgaw" 1695. Norden links. Bild: Geschichtsverein Bachgau.

Karte der „Cent Bachgaw“ 1695.

Als erster bekannter Lehensnehmer wird der Niederadelige Heinrich Clebitz genannt. Erzbischof Johann II. (1397-1419) verleiht ihm als mainzisches Mannlehen einen Hof, gelegen zwischen der Kirche (erbaut bereits 1250/70) und dem damaligen Spielhaus. Auf Clebitz gehen die Kleeblätter im Gemeindewappen von Großostheim zurück. Der erste namentlich bekannte Pächter des Guts war Hermann Kühlbrot, der 1485 wegen Aussatzes, also weil er an Lepra erkrankt war, den Hof aufgeben musste. Unter den ihm folgenden Pächtern war von 1762 bis 1921 die namensgebende Familie Nöthig. Um 1800 besaß der Faktor Nöthig mit 254 Morgen den größten Grundbesitz vor Ort. Der „Großostheimer Morgen“ entsprach damals 1800 Quatratmeter, das Hofgut umfasste damit fast 46 Hektar. Die Bewirtschaftung solch umfangreicher Ländereien erforderte viel Personal, sodass bis ins 20. Jahrhundert hinein hier die meisten Großostheimer beschäftigt waren.

Der Eingang des Bachgaumuseums wird von einer historischen Weinpresse flankiert. Foto: Michael Abb, 2011.

Der Eingang des Bachgaumuseums wird von einer historischen Weinpresse flankiert.

Im Jahr 1929 erwarb die Gemeinde das Anwesen samt des Grundbesitzes. Es zog ein Altersheim (Pfründnerheim) ein, später noch die örtliche Gendarmerie. In den Jahren 1937/38 wurde die an der Kanzleistraße gelegene Scheune zu einem Hitler-Jugendheim umgebaut. Außerdem entstand auf dem Grundstück eine Feuerwehrhalle mit Schlauchturm. Nach dem 2. Weltkrieg waren mehrere Sozialwohnungen untergebracht. Von 1988 bis 1992 diente das Nöthigsgut als Filmkulisse: 52 Folgen der Fernsehserie „Mit Leib und Seele“ mit Günter Strack in der Hauptrolle wurden hier gedreht. Seit Anfang der 90er Jahre erfolgte nach und nach die Räumung der einzelnen Gebäudeteile und deren Umbau zum Kulturzentrum Nöthigsgut. Im Herrenhaus findet sich auf ca. 1100 m² im regional bedeutsamen Bachgaumuseum eine reiche Anzahl kulturhistorischer Schätze, die auf eindrucksvolle Weise das Leben auf einem frühneuzeitlichen Herrschaftssitz, daneben auch das Leben der Handwerker präsentieren. Seit der umfassenden Sanierung des Gesamtkomplexes ist hier auch die Musikschule untergebracht, das Gotische Haus wird für vielerlei Veranstaltungen wie Trauungen, Feiern, Ausstellungen und Seminare genutzt.

 

Auf dem von Nordwesten aufgenommenen Schrägluftbild erkennt man den annähernd dreieckigen Hofgrundriss. Foto: Fotoarchiv Markt Großostheim, 2011.

Auf dem von Nordwesten aufgenommenen Schrägluftbild erkennt man den annähernd dreieckigen Hofgrundriss.

Die Hofanlage

Wie andere Höfe in Großostheim auch, wird das Nöthigsgut durch ein großes Hoftor und eine daneben gelegene schmale Fußgängertür erschlossen. Das Gut besteht aus drei Wohn-/Wirtschaftsgebäuden und einer Zehntscheune sowie einem 1549 im Innenhof errichteten, 14 Meter tiefen Brunnen. Zusammen mit den ehemaligen Stallungen im Westen, heute Teile des Bachgaumuseums, und einer zugebauten Einfahrt im Osten erkennt man einen annähernd dreieckigen Hofgrundriss.

Das Gotische Haus lässt sich auf 1421 datieren und ist somit das älteste Fachwerkgebäude im Landkreis Aschaffenburg. 2005-2007 wurde es statisch ertüchtigt und sein Bauzustand u.a. anhand historischer Fotografien im Stil der späten Gotik, daher der Name, rekonstruiert. Die architektonische Unterscheidung zwischen Originalsubstanz und den für eine vielfältige Nutzung unerlässlichen modernen Funktionselementen, wie WC-Anbau oder Glasfläche am Eingang, trägt diesem Konzept in gelungener Weise Rechnung.

Zwischen dem Hohen Haus (links) und dem Mittelbau (rechts) liegt die Toreinfahrt. Foto: Fotoarchiv Markt Großostheim, 2008.

Zwischen dem Hohen Haus (links) und dem Mittelbau (rechts) liegt die Toreinfahrt.

Das 1571 erbaute Hohe Haus war „Hotel“ für den Dompropst, der Mittelbau diente dem Lehensmann als Wohnung. Im Zuge der Sanierung des Gesamtkomplexes zwischen 1993 und 2001 konnte auch die ursprüngliche Farbfassung der Gebäude zur Erbauungszeit um 1580, an die sich die heutige Farbgestaltung anlehnt, festgestellt werden: Die Balken des Fachwerks sowie ein breiter Streifen an beiden Seiten waren in kräftigem Ockergelb gestrichen und die Gefache in Eierschalenfarbe abgesetzt. Ein schwarzer Begleitstrich fasst das Ockergelb wirkungsvoll ein. Die Fenstergewände trugen aufwändige Malereien.